Mit 42 Jahren schwimmen lernen? Für Aylin war allein der Gedanke daran lange mit Unsicherheit verbunden. Wasser bedeutete für sie nicht Freiheit, sondern Angst. Doch dann entschied sie sich, etwas zu verändern – und machte den ersten Schritt ins Becken.
Teil 1:
Sie machte Sandwiches, passte auf die Taschen auf – und wünschte sich heimlich nur eines.
Jeden Sommer fuhr Aylin mit ihrer Familie ans Meer. Die Kinder rannten ins Wasser, ihr Mann schwamm mit ihnen hinaus. Es wurde gelacht, geplanscht und gerufen.
Und Aylin? Sie blieb am Strand.
Sie passte auf die Taschen auf, verteilte Getränke, bereitete Sandwiches vor und winkte ihrer Familie zu. Dabei sagte sie sich: „Ist schon okay. Hauptsache, sie haben Spaß.“
Aber tief in ihr drin war da jedes Jahr derselbe Wunsch: Sie wollte auch mit. Nicht nur vom Strand aus zuschauen. Nicht immer diejenige sein, die auf alles aufpasst, während die anderen im Wasser gemeinsam Spaß haben.
Sie wollte einfach einmal aufstehen, mit ihrer Familie ins Meer gehen, lachen, planschen und sich dabei sicher fühlen.
Doch Aylin konnte nicht schwimmen. Und sie hatte Angst vor dem Wasser.
Einmal überredete ihre Familie sie: „Komm, nur ein bisschen. Wir bleiben bei dir.“
Sie nahm all ihren Mut zusammen. Ein Schritt ins Wasser. Dann noch einer. Bis zu den Knien. Dann bis zu den Oberschenkeln.
Und plötzlich ging nichts mehr.
Ihr Herz klopfte. Sie wurde unsicher. Jeder weitere Schritt fühlte sich zu viel an. Sie wollte wieder zurück.
Und trotzdem war da gleichzeitig etwas anderes: das Wasser um ihre Beine, das Meer, ihre Familie direkt neben ihr.
Für einen ganz kurzen Moment dachte sie: „Wie schön wäre es, wenn ich keine Angst hätte?“
Wenn sie einfach mitgehen könnte. Wenn sie schwimmen könnte. Wenn sich Urlaub auch für sie wirklich wie Urlaub anfühlen würde.
Dieser Gedanke ließ sie nicht mehr los. Auch nicht, als sie wieder auf ihrem Handtuch saß. Auch nicht am nächsten Tag.
Und diesmal wollte sie nicht wieder nach Hause fahren und sich sagen: „Vielleicht nächstes Jahr.“
Noch im Urlaub nahm sie ihr Handy und begann zu suchen: Schwimmkurs für Frauen. Schwimmen lernen als Erwachsene. Anfängerkurs nur für Frauen.
Denn neben ihrer Angst vor dem Wasser gab es noch etwas, das sie beschäftigte. Sie wollte nicht beobachtet werden. Keine Männer. Keine Zuschauer. Keine unangenehmen Blicke.
Und da war auch dieser Gedanke:
„Ich möchte nicht länger nur zuschauen.“
Name und einzelne Details wurden zum Schutz unserer Teilnehmerin verändert.
Wie es für Aylin weitergeht und was bei ihrem ersten Schwimmkurs passiert, erzählen wir nächste Woche in Teil 2.
Was ist deine Geschichte? Erzähl uns, wo du gerade stehst – und wir schauen gemeinsam, wie dein Weg ins Wasser aussehen kann.